»Wir haben das Falsche für Sie eingesperrt, sicher verwahrt, hinter verschlossenen Türen. Nur Mut! Kommen Sie näher, treten Sie ein und überzeugen Sie Sich selbst.

Schlendern Sie durch die Gänge und Flure, blicken Sie durch die kleinen Schlitze in den verschlossenen Türen. Bewundern Sie die Attraktionen.

Hereinspaziert! Hereinspaziert!

Willkommen im Heim,
wo das Falsche richtig liegt.«

aus: HOME OF THE WRONG,
TRACK 01 auf SOME T#INGS WRONG

Wo das Falsche richtig liegt.

Über das optische Erscheinungsbild von Season 4, über italienische Irrenanstalten, über Falsch und Richtig und darüber wie sich Musik und Artwork gegenseitig inspirieren können.


Die kleine Sophie, die die Kammer schon seit Anbeginn begleitet, begab sich in Season 3 auf die Suche nach "Solace in Insanity", nach "Trost im Wahnsinn". Heute lädt sie uns ein, ihr "Home of the Wrong" zu betreten, das Heim, "wo das Falsche richtig liegt". Wenn also das neue Album ein Irrenhaus sein mag, dann sind die Songs also die "T#ings" darauf wohl dessen Insassen. 

Artwork und Musik inspirieren sich im Idealfall gegenseitig. So auch hier. Fotograf Sven Fennema, mit dem wir ja bereits in Season 1 und 2 intensiv zusammen arbeiten durften, hat über viele Jahre Bilder von sogenannten "Lost Places", also von versteckten, vergessenen und verfallenen Gebäuden und Orten fotografiert und zusammengetragen. Er hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht (Links s.u.) und nur wenigen Fotografen ist es gelungen, die Intensität und das Beklemmende dieser sonderbar lebendig scheinenden Orte einzufangen.

Einige seiner Fotografien sind in alten, verfallenen "Irrenanstalten" in Italien gemacht. Wir sagen hier bewusst "Irrenanstalten", weil der Begriff nur allzu deutlich macht, wie dort noch bis in das Ende des letzten Jahrtausends hinein mit Menschen umgegangen wurde. Die abgebildeten Heime haben mit modernen psychiatrischen Kliniken praktisch nichts gemein.

Denn in den "Manicomios" oder "Ospedale Psichiatrico", wie diese Anstalten auf italienisch genannt werden, wurden Praktiken angewendet, die einen heutzutage bloß erschaudern lassen. Die Patienten wurden dauerhaft hinter Gitter weggesperrt, in Zwangsjacken gesteckt, ans Bett gefesselt, man entzog ihnen ihre Bürgerrechte, sie wurden Eis- und Elektroschocks ausgesetzt, Lobotomien wurden angewendet.

Das aber wohl schockierendste an der Geschichte dieser Institutionen ist jedoch, dass diese Art 'Behandlungen' bis weit in die 1980er Jahre hinein gang und gäbe waren. Eine der gezeigten Anstalten war sogar noch bis Ende der 1990er Jahre in Betrieb!

Erst mit dem italienischen Psychiologen und Vordenker Franco Basaglia (* 11. März 1924; † 29. August 1980) begann ein Umdenken. Schockiert über die in den Anstalten herrschenden Zustände, initiierte er in den sechziger Jahren mit Gleichgesinnten unter dem Banner der "La liberta e terapeutica" eine Reformbewegung der "psichiatria democratica".

Mit dem Ziel einer humanen Psychiatrie kämpfte er für die Schließung der Irrenanstalten und ein radikales Umdenken.

Am 13. Mai 1978 wurde im italienischen Parlament das Gesetz 180 für die Reform der Psychiatrie verabschiedet, welche die Abschaffung der psychiatrischen Anstalten verfügte. In den achziger Jahren wurde endlich mit der Schließung begonnen.

Basaglia starb am 29. August 1980 in seinem Haus in Venedig an einem Hirntumor und konnte die Zeit der Anstaltsschließungen nicht mehr miterleben.

Die im Artwork zum neuen Kammer-Album genutzten Aufnahmen entstanden von 2011 bis 2018. Von Norditalien (Piemonte, Lombardei) über die Toscana bis nach Kampanien im Süden. Die Bilder sind nicht gestellt. Auf den Stühlen saßen einst Menschen, in den Betten lagen einmal Menschen.

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    Die vier Türschlitze, Symbol für die vierte unserer Seasons, und gleichermaßen der Link zu den vergitterten Zellen in den Anstalten, sind übrigens nicht ganz echt. Inspiriert durch eines der Fotos auf dem ähnliche Öffnungen in den massiven Stahltüren zu sehen waren, haben wir uns der künstlerischen Freiheit bedient, und sie für die 'Kontinuität der Metapher' in einige der Fotos nachträglich hinein retuschiert. Falls Sie also über das gleiche Bild im Büchlein oder in Sven Fennemas Werken stolpern und sich wundern sollten - 

    denken Sie nichts Falsches, keine Sorge,

    Sie sind richtig!

    Fotos:

    Sven Fennema

    www.sven-fennema.de

    Informationen über sein neues Buchprojekt:

    https://melancholia.sven-fennema.de

    - Verlag: Frederking & Thaler
    - Titel Melancholia - Zauber vergessener Welten
    - Erscheinungsdatum ca. Oktober 2018 (wird wohl eher Ende Oktober)
    - 320 Seiten, über 200 Abbildungen
    - Format 29,5 x 38,0 cm
    - Hardcover mit Leineneinband
    - ISBN-13: 978-3-95416-263-5

    Vorher erschienen:
    - Neuland - Eroberungen der Natur 2017 (Frederking & Thaler)
    - Nostalgia - Orte einer verlorenen Zeit 2015 (Frederking & Thaler)
    - Tales of Yesteryear 2014 (Selbstverlag)

    Auch erhältlich: 
    - 2 Postkarten-Editionen mit je 14 Motiven 
    - Neuland Wandkalender in A3
    - Großformatige Drucke in limitierter Edition

     

    Text:

    Matthias Ambré

     

    Quellen und Hintergrundinformationen:

    Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/Franco_Basaglia
    Der SPIEGEL: Psychatrie - Glatter Wahnsinn http://www.spiegel.de/spiegel/print/...
    ORF: Das Ende der Irrenanstalten https://tirol.orf.at/news/stories/2912120/
    BPE-Rundbrief: http://www.antipsychiatrieverlag.de/...